studio arch4

 

Grigory Revzin über Arch4

Das Studio Arch4 ist eine einzigartige Erscheinung und wird in die russische Architekturgeschichte der Jahrhundertwende eingehen. Im russischen Design gibt es heute zwei Strömungen: Einerseits will man westliche Qualitätsstandards erreichen: Jeder Betrachter soll sofort verstehen, dass es sich um ausländische Architektur handelt. Das ist ein wichtiges Thema, weil es absurd ist, wenn man in einem Mercedes herumfährt und gleichzeitig in einer Bruchbude wohnt. Man fühlt sich nicht wohl und möchte am liebsten im Auto übernachten. Deshalb gibt es viele Aufträge für solche Architektur. Architekturbüros, die diese Qualität liefern können, auch. Etwa zehn. Auf der anderen Seite soll die russische Identität gewahrt werden. Unser Land ist doch interessant, weshalb sollen wir auf „ausländisch“ machen? Stellen Sie sich ein verlassenes Militärobjekt in einer ländlichen Gegend vor. Betonwände, rund herum Stacheldraht, untätige Überwachungskameras, das Leitsystem der Luft-Boden Raketen mit Teerpappe abgedeckt und ein Wächterhäuschen mit Hühnern davor, zur Selbstversorgung. Sehen Sie das Bild? So etwas findet man nur in Russland. Das sind Installationen, mit denen russische Künstler weltweit auf Ausstellungen Furore machen. Künstler dieser Art gibt es in Russland viele. Etwa drei.  Wie das eine mit dem anderen verbunden werden soll, weiss keiner. Aber nur weil diese beiden Extreme existieren, können wir das einzelne so intensiv erleben. Wäre unsere Umgebung nicht so wie sie ist – keiner hätte den Wunsch, in einer „ausländischen“ Wohnung zu leben. Warum in die Ferne schweifen? Aber gäbe es diesen „ausländischen“ Raum nicht, würde niemand auf die Idee kommen, sein Land als avantgardistische Installation zu betrachten. Die beiden Extreme kann niemand vereinen. Ausser Arch4. Die bringen das tatsächlich fertig. Zum Beispiel in der „Ahornwohnung“ von Ivan Chuvelev und Natalja Lobanova. Ein Raum, so vollkommen, dass er einem beinahe virtuell vorkommt. In der russischen Realität existieren diese idealen Oberflächen und Linien, diese perfekten Details nicht. Technisch gesehen ist das ein Raumschiff. Tatsächlich ist es aber die natürliche Textur des Ahorns, der Ziegelsteine, der Steine, die ideale Raumeinteilung und das natürliche Licht. Wir befinden uns in der Realität, auf der Erde. Sehr ausländisch.

So ausländisch kann das keine andere russische Firma. Zu Arch4 gehört neben den russischen Architekten Ivan Chuvelev, Mikhail Taichenachev und Natalia Lobanova auch der Schweizer Mathias Hinselmann. Wie sehr sie das westlichen Design verinnerlicht haben, kann man an ihren Aufträgen erkennen. Sie haben die Hälfte der Boutiquen in der neuen Luxusmeile in Moskau, dem Stoleshnikov Pereulok, ausgebaut: Ferragamo, Hérmes, Louis Vuitton, Cartier, Escada.

Arch4 hat das europäische Design verinnerlicht, steht aber auch für das Gegenteil: Sie arbeiten mit Themen, Texturen und Materialien, die man niemals europäisch nennen würde. Zum Beispiel die „Wohnung des Herrn D“. Dort gibt es eine Säulenreihe aus Metallstützen, die mit Glas verkleidet wurden. Grosse Klasse. Wo kommt das her? Solche Stützen wurden in der Sowjetunion in Massen hergestellt. Für die Schweineställe unter Chruschtschow oder die Heizkraftwerke, man findet sie überall.

Sie sind mit Öl geschmiert und streift man sie, kann man die Windjacke wegschmeissen und die Schulter schmerzt noch tagelang. Wie soll damit ein zivilisierter Raum gestaltet werden? Indem man die Stützen mit Glas umhüllt, hinter dem normalerweise Diamanten ausgestellt werden und sie so wie durch ein Schaufenster betrachten kann. Ein sehenswertes Meisterwerk. 

In der „Flugzeugwohnung“ ist die Tür eine Bombenluke, die Toilette ein Stück Flugzeugrumpf. Eine Tür öffnet sich nach oben. Über das Bett führt ein gläserner Steg in den Wintergarten. Alles bewegt sich, wird vom Computer überwacht und per Fernbedienung gesteuert. Das ist zeitgemäss, ein Leben im Flug und Designer weltweit streben danach: Stühle werden an die Decke geschraubt, Fussböden sind aus Glas, Wände werden zu Bildschirmen, Du fliegst, fühlst Dich zu hause wie in den Wolken. Ein sehr modernes Thema. Ein sehr russischer Flug. Ein zerlegtes Flugzeug, ein Nachtsichtgerät zur Steuerung der Beleuchtung, alles echt, vernietet, high-tech Legierungen und Beschläge. Wir sind beeindruckt. Zerlegt – und Abflug. 

Man kann sich vorstellen, dass irgendwo auf einem geheimen Flughafen russische Piloten Teile einer alten MiG zu einem Klo umfunktionieren. Das wäre eine sehr primitive sanitäre Anlage, die daran erinnerte, was für ein Wind dort oben bläst, wie das Metall vereist und einem die Spucke im Mund gefriert. Ein Raum für echte Männer. Bei Arch4 wird das zum high-tech Chic, ihre Handschrift, ihr Stil vereint westliche Qualität mit phantasmagorischer sowjetischer Technologie.

Wie ernst ist das zu nehmen? Mit ihrem Design schafft es Arch4, unser Umfeld positiv zu bewerten. Wir mühen uns ab, den russischen Stil zu definieren, doch wir suchen am falschen Ort, den er findet sich weder in der nicht existenten Dorfidylle, noch in den Kremltürmen, weil wir nicht mehr in Bastschuhen herumlaufen oder uns vor dem Tatarenansturm im Kreml verschanzen. Wir leben in einer von sowjetischer Technologie urbanisierten Umgebung. Arch4 nimmt dieses Thema auf und versetzt uns in eine andere Umgebung: Was uns wie die Ruinen der Technologie erscheint, verwandelt sich plötzlich in einwandfreie zeitgenössische Lebensqualität. Das ist der russische Stil des Designs und er ist dem westlichen durchaus ebenbürtig. Cooler als der italienische, technischer als der britische, gründlicher als der deutsche Stil. Schade, dass Arch4 keine Autos designt. Sie würden den russischen Mercedes bauen.

 

 

Grigory Revzin (geb.1964 in Moskau) hat an der historischen Fakultät der Moskauer Staatsuniversität promoviert und lehrte 10 Jahre lang an der Fakultät für russische Kunstgeschichte der Moskauer Staatsuniversität. Er verfasste über 50 wissenschaftliche Arbeiten über Architekturgeschichte und Architekturtheorie.

1996 – 2000 war er stellvertretender Chefredaktor der Zeitschrift «Projekt Rossija», seit 2001 ist er Chefredaktor von «Projekt Klassik». Er arbeitet für verschiedene Zeitschriften (Nesawisimaja Gaseta, Segodnja, Architectural Digest/AD, Gentlemen’s Quartely/GQ) und seit 1996 als Architekturkritiker für „Kommersant“. 2000 und 2008 war er Kurator des Russischen Pavillons an der Architekturbiennale in Venedig. 

 

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